Europa setzt 2026 verstärkt auf alte Industriestandorte – und stellt dafür Milliarden bereit. Für Eigentümer brachliegender Fabriken, Hallen und Gewerbeflächen könnte daraus eine seltene Chance entstehen.
Im Juni 2026 stellte die Europäische Investitionsbank weitere 22 Milliarden Euro für „InvestEU“ bereit. Das Programm nutzt öffentliche Garantien, um Kredite für Projekte zu ermöglichen, die Banken sonst möglicherweise nicht finanzieren würden. ¹ Saubere Technologien und Biotechnologie gehören ausdrücklich zu den Prioritäten. Bereits sechs Monate zuvor hatte die EU ihre Unterstützung für das Programm auf 29,1 Milliarden Euro erhöht.²
Auch direkte Fördermittel sind verfügbar: Im April stellte ein europäischer Forschungsfonds für die biobasierte Industrie 170,7 Millionen Euro bereit. Vier der 13 Förderbereiche sind groß genug, um jeweils eine bahnbrechende Anlage mit bis zu 20 Millionen Euro zu finanzieren.³ Regionen, die Mittel auf aktuelle EU-Prioritäten umschichten, haben zudem bis Ende 2030 Zeit, diese auszugeben.⁴
Die politische Richtung ist damit klar: Europa will biobasierte Technologien aus dem Labor in die industrielle Produktion bringen.⁵ Für Eigentümer ehemaliger Produktionsstandorte lohnt sich deshalb jetzt eine entscheidende Frage:
Was könnte hier wieder entstehen – und wer könnte es finanzieren?
Jede Geldquelle hat ihre eigene Aufgabe
Der größte Fehler in komplexen Förderprojekten ist, alle Finanzierungsquellen wie austauschbares Kapital zu behandeln. Tatsächlich finanziert jede etwas anderes:
| Herkunft | Typischer Zweck |
| Spenden und Impact-Gelder | Teile, die sich wirtschaftlich nicht selbst finanzieren |
| Eigenkapital der Eigentümer | Kontrolle und Risiken, die sonst niemand übernimmt |
| Langfristige Darlehen | Zeit und langfristige Investitionen |
| LIFE | Nachweis, dass eine Vorgehensweise funktioniert |
| Forschungszuschüsse | Entwicklung einer Technologie bis zu einem definierten Stadium |
| EU-Regionalfonds | Grundstücke und Grundlagen für einen nutzbaren Standort |
Gerade Forschungsförderung wird häufig falsch verstanden. Bei größeren Projekten muss die Technologie bis zum Ende nahezu im industriellen Maßstab funktionieren. Maschinen werden oft nur für die tatsächliche Nutzungsdauer abgerechnet, während ein bestehendes oder saniertes Gebäude ausdrücklich genutzt werden kann.⁶
Das kann für alte Industriestandorte ein großer Vorteil sein: Ein 20-Millionen-Euro-Forschungsprojekt kann möglicherweise in einer bereits vorhandenen Halle entstehen. Die Förderung ersetzt jedoch nicht automatisch die Baufinanzierung. Wer einen Zuschuss als Eigenkapital behandelt, entdeckt die Finanzierungslücke möglicherweise erst beim Financial Close.
Eigentum kann selbst zur Förderstrategie werden
Entscheidend ist nicht nur, was auf einem Standort gebaut wird, sondern auch, wem der Standort gehört.
In Niedersachsen können bestimmte EU-Förderlinien zur Wiederverwendung von Industrie- und Gewerbeflächen nur von Gemeinden, Gemeindeverbänden oder gemeinnützigen Organisationen beantragt werden.⁷ Das kann bedeuten, dass eine gemeinsame Trägerschaft mit einer Kommune oder eine gemeinnützige Organisation neben der Entwicklungsgesellschaft Teil der Finanzierungsstrategie werden muss.
Solche Strukturen brauchen Zeit. Deshalb sollte die Eigentümerfrage bereits im ersten Gespräch geklärt werden – nicht erst kurz vor dem Förderantrag.
Auch Förderkulissen verändern sich schnell. Deutschlands 2,5-Milliarden-Euro-Fonds für Regionen im Kohleausstieg konzentriert sich beispielsweise auf vier Bundesländer. Andere Standorte müssen ihre Finanzierung über andere Programme begründen.⁸ Gleichzeitig werden Beratungsangebote und Förderstrukturen regelmäßig umorganisiert. Was vor einem Jahr noch in einer Vorlage stand, kann heute bereits überholt sein.⁹
Das Zeitfenster ist offen – aber nicht lange
Die Ausschreibungen für 2026 zeigen, wie eng der Förderkalender sein kann:
| Fonds | Published | Closes | Was ist möglich |
| Circular Bio-based Europe (CBE JU) | 23. April 2026 | 22. September 2026 | 170.7 Mio € für 13 Themen, 4 große Projekte a €20 Mio € |
| LIFE Programme | 21. April 2026 | 22. September 2026 | Projekte zu Kreislaufwirtschaft und Umweltverschmutzung |
| Horizon Europe, Cluster 6 | 17. April 2026 | 17. September 2026 | Biobasierte Innovation und Biofertigung |
| Horizon Europe, next round | Öffnet am 20. April 2027 | 22. September 2027 | Projekte zu Kreislaufwirtschaft und Umweltverschmutzung |
| Interreg North Sea, Call 6 | Vorraussichtlich Dezember 2026 | Noch nicht veröffentlich | Übergreifende Projekte |
Einfachere Regeln – neue Risiken
Einige Verfahren wurden erleichtert. InvestEU reduziert beispielsweise die Berichtspflichten, und regionale Förderprogramme ermöglichen flexiblere Umschichtungen sowie teilweise höhere Vorauszahlungen.⁴
Bei „Horizon Europe“ verändert sich dagegen das Prinzip der Förderung: Für einen wachsenden Teil der Projekte werden künftig Festpreise für vereinbarte Ergebnisse gezahlt, statt tatsächliche Einzelkosten zu erstatten.¹⁰ Das reduziert Verwaltungsaufwand – verlangt aber, dass Verantwortlichkeiten und Kosten bereits vor Projektbeginn sauber voneinander getrennt sind.
Genau hier liegt eine offene Frage: Wie lassen sich Fördermittel und Darlehen für denselben Sachanlagegegenstand rechtssicher kombinieren? Für die jüngsten Änderungen gibt es bislang keine eindeutig veröffentlichte EU-Regelung, und bestehende Leitlinien stammen teilweise aus der Zeit davor.¹¹
Die beste Antwort ist deshalb nicht Improvisation, sondern Dokumentation: Beide Geldgeber sollten vor einer Verpflichtung schriftlich bestätigen, wie die Finanzierung strukturiert werden darf.
Denn Jahre später wird jemand nachvollziehen müssen, warum ein bestimmtes Gebäude, eine Maschine oder sogar eine einzelne Mauer auf genau diese Weise finanziert wurde. Diese Person wird nicht bei der Entscheidung dabei gewesen sein. Sie wird nur die Unterlagen sehen.
Am Ende ist die wichtigste Frage daher nicht, wie viele Geldquellen ein Projekt kombinieren kann. Sie lautet:
Was muss heute schriftlich festgehalten werden – und von wem –, damit eine Entscheidung auch Jahre später noch nachvollziehbar und verteidigbar ist?
Das ist letztlich eine Governance-Frage, die wie eine Finanzierungsfrage aussieht.
Dieser Artikel wurde von unserer Netzwerkpartnerin Alyssa J. McDonald-Bärtl verfasst, die auf EU-Förderstrukturen und Corporate Governance spezialisiert ist, und aus dem Englischen übersetzt. Nehmen Sie hier Kontakt auf.
Sources
- Europäische Investitionsbank, Pressemitteilung 2026-201, 10. Juni 2026, 22 Milliarden Euro an neuen Finanzmitteln der EIB-Gruppe im Rahmen von InvestEU.
- Rat der Europäischen Union, Rat beschließt Vereinfachung des InvestEU-Programms, 11. Dezember 2025. EU-Garantie von 26,2 Mrd. € auf 29,1 Mrd. € erhöht, Berichterstattung von halbjährlich auf jährlich umgestellt, Kombination mit den früheren Programmen EFSI, CEF-Schuldinstrument und InnovFin zulässig.
- CBE JU, Aufforderung zur Einreichung von Vorschlägen 2026, veröffentlicht am 23. April 2026, Einreichungsfrist 22. September 2026, 170,7 Millionen Euro für 13 Themenbereiche, darunter 4 Leitinitiativen für Innovation mit einem Volumen von 20 Millionen Euro. cbe.europa.eu/open-calls-proposals
- Verordnungen (EU) 2025/1913 und (EU) 2025/1914, angenommen am 18. September 2025, in Kraft getreten am 20. September 2025, Halbzeitüberprüfung der Kohäsionspolitik.
- Europäische Kommission, EU-Bioökonomie-Strategie, COM(2025) 960, angenommen am 27. November 2025. Schlussfolgerungen des Rates zur Bioökonomie, 17. März 2026.
- CBE JU, Häufig gestellte Fragen für Antragsteller zu den Leitinitiativen der Technologiereifestufe 8, zu als Abschreibung verbuchten Anlagen sowie zur Zulässigkeit bestehender oder wiederaufgebauter Infrastruktur. cbe.europa.eu/faq-applicants
- Förderdatenbank, Förderung hochwertiger wirtschaftsnaher Infrastrukturmaßnahmen (EFRE), Niedersachsen. Förderberechtigt sind Kommunen, Kommunalverbände, gemeinnützige juristische Personen und nicht gewinnorientierte juristische Personen.
- Europäische Kommission, EU-Kohäsionspolitik, 2,5 Milliarden Euro für einen gerechten Klimawandel in Deutschland, 21. Oktober 2022. Mittelzuweisungen für Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt.
- EIB, InvestEU Advisory Hub. Die ehemalige EIAH-URBIS-Seite leitet auf advisory.eib.org weiter.
- Europäische Kommission, Arbeitsprogramm „Horizont Europa“ 2026 bis 2027, verabschiedet am 11. Dezember 2025. Etwa die Hälfte der Themen wurde auf Pauschalfinanzierung umgestellt, wobei Pauschalbeträge im Nachfolgeprogramm als Standard vorgeschlagen werden.
- fi-compass, Kombination von Finanzinstrumenten und Zuschüssen. Die Leitlinien stammen aus der Zeit vor den oben beschriebenen Änderungen von 2025 und 2026.
