4. Juni 2026

Zukunft Bauen: Ein neuer Superzyklus des Bauens beginnt

Die Welt befindet sich in einem historischen Übergang in eine neue Zeitrechnung – geopolitisch, technologisch, gesellschaftlich. Wenig von dem, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, wird auch in Zukunft noch funktionieren. Bereits die Gegenwart zeigt eindeutige Anzeichen des Zerfalls. Es ist längst alternativlos geworden, die Zukunft in neuen Konzepten zu denken. Und genau genommen liegt darin kein Risiko, sondern eine Chance, denn die Potenziale der Zukunft übersteigen die Probleme der Gegenwart bei weitem. Genau darin aber verzeichnen wir heute ein Defizit: zu wenig und zu langsam entsteht Neues. Dadurch schreiben wir heute Vermögen ab, ohne dass neues entsteht. Das heute oft beklagte Finanzierungsproblem resultiert auch daraus, dass Investitionen zu eng an der Gegenwart orientiert sind und durch sie keine zukunftsfähigen Werte geschaffen werden.

Wir sind daher aufgefordert, in Innovationen und neuen Lösungen zu denken – und nicht nur zu denken, sondern auch zu machen und zu realisieren. Lösungen müssen gleichermaßen gegenwartstauglich und zukunftsfähig sein. Dieser Spagat stellt hohe Anforderungen an Planung und Realisation. Wenn dieser Spagat aber gelingt, lässt sich der Wert von transformativen Projekten enorm hebeln, indem sie die Potenziale der Zukunft heute antizipieren und konzeptionell anlegen. Kurzum: Werthaltige und wertsteigernde Projekte wachsen transformativ in die Zukunft hinein – und zwar deshalb, weil sie es können.   

Im Folgenden werden vier kurze Gedanken skizziert, warum und wie wir neu über Bauen und Entwickeln nachdenken müssen.  

 

Die 50-Prozent-Stadt

Von Albert Einstein ist das Zitat überliefert, dass der Mensch lediglich zehn Prozent seiner Gehirnleistung überhaupt nutzt. Der Hauptgrund dafür ist, dass der Mensch oft nur in kognitiven Routinen denkt und seine Fantasie zu wenig bemüht. Von dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman wissen wir, dass man zwischen langsamen und schnellem Denken unterscheiden kann. Das schnelle läuft völlig automatisiert ab, das langsame dagegen beinhaltet kreative Prozesse.

Diese Gedanken lassen sich auch auf die Stadt übertragen. Eine Stadt bildet ein komplexes System, das unendlich viele Möglichkeiten bietet. Im Alltag aber reduzieren wir die Komplexität und damit auch deren kreatives Potenzial auf ihre nützliche Funktionalität. Vom Verkehrsverhalten der Menschen ist bekannt, dass sie – aus durchaus rationalen Gründen – immer den identischen Weg nehmen. Um mit Kahneman zu sprechen: Wir nutzen die Stadt fast nur im System 1, dem schnellen, automatisierten Modus, aber zu wenig in System 2, dem langsamen, eher kreativen Modus. Dadurch passiert jedoch kaum etwas Neues. Netzwerke konvergieren gegen konstante, sich am Ende lediglich wiederholende Interaktionsmuster. Dabei hätte gerade die Stadt viel mehr Überraschendes und Inspirierendes zu bieten. Wenn wir als Touristen in einer fremden Stadt unterwegs sind, schwärmen wir häufig von deren Lebendigkeit und Vielfalt. Dass wir dieses Gefühl in der eigenen Stadt nicht haben, liegt daran, dass wir sie anders „nutzen“ – nicht explorativ, sondern repetitiv.

Gibt es also eine Möglichkeit, die Stadt – in Analogie zu Einsteins Zitat über unser Gehirn – nicht nur zu zehn Prozent, sondern vielleicht zu wenigstens dreißig, vierzig oder sogar fünfzig Prozent zu nutzen? Und was würde dies bedeuten für die Art und Weise, wie eine Stadt organisiert ist, und für die Lebensqualität, die sie dadurch erhält? Träumen wir nicht alle von einer solchen Stadt, die uns inspiriert, kreativer und produktiver macht? Eine solche Stadt ist möglich.

 

Von der Stadt der Infrastrukturen zur Stadt der Fähigkeiten

In einer tradierten, stark physisch geprägten Vorstellung von Stadt besteht diese aus Infrastrukturen, die zusammen ein System bilden, in dem Menschen – die Bewohner dieser Stadt – sich bewegen und interagieren. Infrastrukturen sind dabei Straßen und Brücken, aber auch Behörden, Ämter, Krankenhäuser, Theater und Geschäfte sowie Traditionen und soziale Normen.

Digitale Innovationen, vor allem Daten und Künstliche Intelligenz, machen aus physischer Infrastruktur zunehmend flexible Formen der Nutzung, also „Fähigkeiten“. In Zukunft müssen wir Städte eher als ein System von Fähigkeiten beschreiben: Sind sie „fähig“, mit Klimawandel umzugehen, Bedrohungen abzuwehren, Menschen zu integrieren, oder sie sind es eben nicht und dadurch weniger lebenswert und zukunftsfähig.

Dass physisches Kapital beginnt, sich organischer in unseren Alltag zu integrieren, kann man an Autos und Wohnungen beobachten. Bei aller Kritik, die man an Uber oder Airbnb üben kann, bietet die flexible Nutzung von „Mobilien“ und „Immobilien“ doch eine große Chance für Städte, sich neu zu erfinden. Die Stadt der Fähigkeiten ist keine smarte Stadt mehr, sondern schon eine kognitive, eine denkende Stadt, die ständig lernt und sich entlang der Präferenzen ihrer Bewohner entwickelt.

Wer in zukünftigen Infrastrukturen denkt, sollte daher vor allem in Zukunfts-„Fähigkeiten“ denken, die wir benötigen werden, um unsere Probleme zu lösen, also mehr in Software als in Hardware: The City as a Service.

 

Die ungenutzten Potenziale der Stadt

Ein bekannter Satz der System- und Organisationstheorie lautet: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das bezieht sich auf die räumliche Dimension von Stadt: Wo befinden sich die Krankenhäuser, gibt es Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe von Wohnquartieren etc. Man versucht, die räumlichen Synergien bestmöglich zu planen und zu nutzen. Die „15-Minuten-Stadt“ etwa ist ein Beispiel dafür, wie man räumliche Interaktion so organisiert, dass die Stadt die gleiche Funktionalität für alle bietet, aber dabei deutlich weniger Verkehre verursacht. Das Verhältnis von Agglomerationsvorteilen zu Agglomerationsnachteilen wird dadurch optimiert.

Die interessantere, weil schwierigere Dimension ist jedoch die zeitliche: Wenn man nicht weiß, wie die Zukunft aussehen wird, wie ist es dann möglich, zeitliche Synergien in die Planung zu integrieren? Gerade in Zeiten der Transformation und der beschleunigten Technologieentwicklung können Projekte schnell an Wert verlieren, wenn diese nicht zukunftsgerecht geplant worden sind. Man kann den Unterschied mathematisch ausdrücken: Statisch zu planen, bedeutet, dass sich die Werte in der Gegenwart addieren. Eine neu überplante Fläche fügt dem bestehenden Ensemble einen bestimmten Wert hinzu. In dynamischer Betrachtung multiplizieren sich die Werte. Ein nachhaltig zukunftsfähiges Projekt muss einen Wert größer als eins aufweisen. Das bedeutet, dass jede zukünftige Aufwertung in der Umgebung den Wert des Objektes selbst ebenfalls erhöht, und zwar überproportional. Ist der Wert kleiner als ein, verliert das Objekt dagegen an Wert. Es ist selbst nicht transformativ.

Projekte weisen bei zukunftsgerechter Realisierung daher zwei wichtige Eigenschaften auf:

  • Projekte sind strukturell integrativ: Sie realisieren ihren Mehrwert dadurch, dass sie Konnektivität zu ihrer Umgebung schaffen.
  • Projekte sind intertemporal adaptiv: Sie realisieren ihren Mehrwert dadurch, dass sie sich über die Zeit anpassen können und auf diese Weise transformativ wirken.

 

Neue Dezentralität – neue Zentralität

Eine der wesentlichen Veränderungen unserer Zeit besteht in einem neuen Gleichgewicht zwischen Zentralität und Dezentralität. Jede Form der Dezentralität erfordert immer auch eine Form der Zentralität, um Koordination und Kooperation zu ermöglichen. Die Innenstadt beispielsweise nennt sich das „Zentrum“, weil hier wesentliche Funktionen der Stadt zusammengeführt werden. Menschen treffen sich hier, um Meinungen auszutauschen (die Rathausidee), oder um Geschäfte zu tätigen (die Marktplatzidee).

Digitale Innovationen ermöglichen nun ein höheres Maß an Dezentralität. Menschen tauschen ihre Meinungen über Soziale Medien aus und tätigen ihre Geschäfte über Plattformen, ohne sich räumlich bewegen zu müssen. Es ist daher nicht überraschend, dass die Innenstadt ihre tradierte Zentralitätsfunktion verliert. Wenn wir heute über eine Revitalisierung von Innenstädten nachdenken, müssen wir dies mit Blick auf ein verändertes Gleichgewicht von Zentralität und Dezentralität tun. Und es geht weiter: Künstliche Intelligenz und das Metaverse werden schnell für weitere disruptive Veränderungen sorgen. Umgekehrt wird sich das analoge Leben der Menschen ebenfalls weiterentwickeln – mit großen Chancen für eine neu gedachte Stadt und Innenstadt.

 

Wir freuen uns auf die Diskussion zu diesem Papier!

hello@steg-ps.de

www.steg-ps.de

https://www.linkedin.com/company/steg-ps/

Weitere Beiträge

4. August 2026

Turning old sites into something new, and how it gets paid for by European Funds

Europe is putting a lot of money into old industrial sites this year. In June 2026 the European Investment Bank put another €22 billion behind InvestEU, a scheme that uses...

A future resilient quarter in a German city comprising of older and newer buildings
4. August 2026

The money arrives in 2028. The sentence that unlocks it is being written this year.

The funding map under every German project has an expiry date >> December 2027. Every EU regional programme now open, and every co-financing rate sitting in today’s financial models, ends...

3. August 2026

Resilienz wird gebaut: Warum die neue CER-Richtlinie Bauwirtschaft, Infrastruktur und Quartiere zur Führungsaufgabe macht

Seit den Sabotageakten gegen kritische Infrastruktur der vergangenen Jahre ist klar: Sicherheit lässt sich nicht mehr allein als IT-Thema behandeln. Mit der europäischen CER-Richtlinie (Critical Entities Resilience) und dem deutschen...

Informationen für Unternehmen: